Auch ich bin ein Flüchtling – Teil 1. Weshalb musste ich fliehen

Ich bin ein Flüchtlingskind, welches mit offenen Armen empfangen wurde.

Meine Eltern sind irgendwann 1982 in die Schweiz als Gastarbeiter gegangen. Sie ackerten sich kaputt und sparten sich alles vom Mund ab, um uns eine bessere Zukunft bieten zu können. Sie hatten im ehemaligen Jugoslawien keine Perspektive und wollten der kommunistischen Partei nicht beitreten. Ohne kommunistische Partei, keine Möglichkeit auf eine Arbeitsstelle. Ich war da etwa 2 Jahre alt und wuchs somit von einem Tag auf den anderen ohne meine Eltern, bei den Grosseltern auf. Soweit ich mich erinnern kann, war meine Kindheit ziemlich unspektakulär, dafür aber mit ganz vielen Freiheiten und ohne viele Regeln. Die meisten Jahre habe ich jedoch offensichtlich verdrängt und kann mich nicht mehr erinnern. Ist wohl sowas wie ein Selbstschutz der Psyche.

Irgendwann im 1990 bin ich unglücklich gestürzt und habe mir meine Hüftdysplasie-Hüfte ziemlich unglücklich gebrochen. Ich war ein seltsames, eigenbrötlerisches und stilles Kind. Ohne Eltern habe ich früh gelernt, selber für mich die Entscheidungen zu treffen. Da ich niemanden von meinen Schmerzen berichtete, folgten darauf einige Komplikationen. Hüftkopf zerschmettert, Knorpel abgerissen usw. Für mich damals ‚unglücklicherweise‘, hat meine Grossmutter irgendwann mitgekriegt, dass ich fast nicht mehr laufen kann und schleppte mich ins nächste Krankenhaus. Dort wurde die falsche Hüfte geröngt und ich wieder nach Hause geschickt. Die Verwechslung und die unglücklichen Umstände bescherten mir dann 3 Hüftoperationen inkl. Aufwachen aus der Narkose, mitten in einer der Operationen. Ich war als 11 Jährige etwa 9 Monate alleine in einem Krankenhaus und kriegte langsam mit, dass in Kroatien sowas wie Krieg herrschte. Das ist die Vorgeschichte zu meiner damaligen, körperlichen und psychischen Verfassung.

Ostern 1991 war ich bereits Stationär in einer Rehaklinik und lernte langsam wieder aufzustehen und auf Krücken zu laufen. Meine Eltern nutzten jeden Feiertag und alle Ferientage, um 15 Stunden Autofahrt auf sich zu nehmen und mich zu besuchen. So waren sie über Ostern zu Hause und ich wurde von meinem Vater täglich zur Reha gefahren.

Irgendwann kam mein Vater nach Hause und erzählte meiner Mutter, dass er in der Stadt einen ehemaligen Schulkollegen getroffen hätte und dieser ihm gegenüber seltsame Andeutungen gemacht habe. Er hätte ihm geraten, das Auto und seine Familie schnellstmöglich auf die andere Seite des Flusses zu bringen. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie meine Mutter meinen Vater mit einem seltsamen Blick angeschaut hat und mein Vater darauf weg fuhr.

Am nächsten Morgen um ca. 3Uhr weckte mich meine Mutter mit den Worten, ich solle keine Angst haben, aber der Krieg habe angefangen und wir müssen versuchen von zu Hause wegzukommen. Ich war gerade 12 geworden, konnte nur mühsam auf Krücken laufen und verstand überhaupt nicht, warum wir von zu Hause weg gehen sollen. Irgendwann ist mein Vater zum Gemeindehaus gelaufen und hat versucht, Informationen über die Lage zu bekommen. Nix. Alle waren völlig überfordert und überrumpelt von diesem Artillerie-Angriff. Der Schulkollege meines Vaters war von der ‚anderen‘ Seite und wusste offenbar schon über den bevorstehenden Angriff bescheid und hat meinen Vater vorgewarnt. Wir sassen also da, hörten überall rund herum Schüsse und einschlagende Granaten. Einfach so, von Heute auf Morgen war da Krieg.

Mein Vater konnte nicht mehr zu Hause warten und machte sich auf den Weg, unsere Flucht zu organisieren. In der Zwischenzeit versteckte meine Mutter mich und meinen jüngeren Bruder unter der Treppe. Sie erklärte uns, dass die Hauswände dort besonders dick sind und wir auf keinen Fall von dort weg gehen sollen. Na gut, ich hätte sowieso nicht weglaufen können. Meine Mutter packte offenbar in der Zwischenzeit das Nötigste ein und ich glaube, wir hatten zweit Taschen dabei. Mein Vater kam und erzählte, dass er einen alten Fischer gefunden hat, der versuchen möchte, uns für Geld über den, zu dieser Zeit Hochwasser führenden, Fluss zu bringen. So begann unsere Flucht. Ich weiss nicht mehr genau, wie viele Kilometer ich mit Krücken gelaufen bin. Über dem ganzen Dorf war eine seltsame Stille. Keine Menschen, nur ein Nieselregen und diese drückende Stille. Nur das Artilleriefeuer und die Granateinschläge hallten durch die Luft. Am überschwemmten Ufer des Flusses konnte ich nicht mehr laufen und sank in den Schlamm hinein. So trug mich mein Vater auf den Armen weiter, bis wir das Fischerboot erreicht haben. Ich konnte nicht schwimmen, der braune Fluss führte Massen an Wasser inkl. Treibgut welches ständig an dieses Holzboot knallte. Ich weiss nur, wie ich meine Krücken umklammert hielt, weil ich wusste, dass ich die auf keinen Fall verlieren darf.

Wir sind tatsächlich heil auf der anderen Seite des Ufers angekommen. Mein Vater trug mich wieder durch den Sumpf bis zu der Stelle, an der ich wieder laufen konnte. Es war alles still. Niemand sprach, nur das Knallen konnte man hören. Mein Vater drückte dem alten Mann noch Geld in die Hand, der wieder in sein Boot stieg. Wir mussten so einen Hochwasserdamm überqueren und da konnte meine Mutter das erste mal ihre Panik nicht mehr verstecken. Sie hielt uns an, nicht aufrecht zu gehen weil der Damm so hoch war und man uns von der anderen Seite erschiessen könnte. Als wir zu einer Strasse kamen, versuchte mein Vater ein Auto anzuhalten und zu bitten, ihn zu dem Parkplatz zu bringen, an dem er einen Tag davor sein Auto abgestellt hat.

Meine Mutter war in dieser Zeit nicht mehr ruhig. Ihre Unruhe schwebte wie eine dunkle Wolke über ihr. Ständig sagte sie uns, dass wir nicht aufrecht stehen sollen, weil man uns erschiessen könnte. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit bis mein Vater mit unserem Auto kam.

Ich stieg in das Auto rein, packte meine Krücken ein und bin nie wieder in das Dorf, in welchem ich aufgewachsen bin, zurückgekehrt. Wir fuhren direkt in die Schweiz. Einen Tag nach unserer Flucht, rief uns ein Nachbar an um mitzuteilen, dass das haus von drei Granaten zerstört wurde. Drei mal kann man raten, wo die erste Granate eingeschlagen ist! Genau, unter der Treppe, dort wo die Hauswand angeblich so dick ist und wir uns verstecken mussten.

So kam ich als Flüchtling des Jugoslawienkriegs in die Schweiz. Das war 1991 und ich gerade 12 Jahre alt geworden.

Wie mein Leben dann als Flüchtling in der Schweiz weiter ging, das erzähle ich im zweiten Teil. Eigentlich habe ich nicht vorgesehen, so viel über den Hintergrund meiner Flucht zu schreiben und wollte nur darüber berichten, wie ich in der Schweiz aufgenommen wurde.

Danke fürs Lesen, so spare ich mir ganz offensichtlich Therapiekosten…

PS: #bloggerfürflüchtlinge Moabit hilft und organisiert einen Spendenaufruf hier gehts lang

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5 Gedanken zu „Auch ich bin ein Flüchtling – Teil 1. Weshalb musste ich fliehen

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