Leben mit MS: Ein Kommentar, der mich zum Heulen brachte

Ein Blogkommentar, der mich völlig aus der Bahn warf

Vor ein paar Tagen checke ich noch nix ahnend meine Blogkommentare und sehe, dass ich einen neuen Kommentar noch nicht gelesen habe. Meine elektronischen Geräte wie iPad, iPhone und Laptop zicken ja gerne immer wieder und rauben mir manchmal den Nerv und die Zeit. Ich freue mich immer sehr über Kommentare, denn so entsteht immer toller Austausch und ich mag es eigentlich nicht, zu spät zu antworten.

Als ich anfange zu lesen, ahne ich noch nicht, wie stark mich dieser Kommentar bewegen wird. Am Ende laufen mir die Tränen runter, ich habe Gänsehaut und ich fühle mich unbeschreiblich.

Insel Krk

Weil der Kommentar unter einem Blogartikel schnell mal übersehen werden kann, möchte ich Euch den nicht vorenthalten und empfehle für den Gänsehauteffekt, unbedingt das YouTube Video Eva Sofee – Man in the mirror anzusehen!

 

Kommentar von Eva, 18. Oktober 2016 unter dem Artikel: Sind wir eine neue Generation der Kranken?

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Hallo Katarina,

ich habe seit 2008 MS, allerdings hat es fast acht Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, „wofür“ diese Krankheit bei mir eigentlich da und auch gut ist..

Bis auf meinen linken Sehnerv hatten sich bis dato meine Nerven(-Bahnen) nach allen Schüben wieder brav regeneriert, daher nahm ich diese inzwischen recht entspannt, sogar dankbar als eine Art Zwangspause und Alarmsignal an – gerade weil sie erfahrungsgemäß immer dann kamen, wenn ich mir mal wieder wochen- oder monatelang viel zu viel (wovon auch immer) aufgeladen hatte..🙂
Wenn zwischendurch doch mal Sorgen meinen Optimismus zu bedrohen schienen, z.B. was denn passieren würde, wenn mein anderer Sehnerv sich auch entzünden und ebenfalls nicht regenerieren würde, schob ich diese konsequent weg. Sah einfach nicht hin.
Nach fast zwei schubfreien Jahren wachte ich dann jedoch eines Morgens nahezu blind auf – der rechte Sehnerv war entzündet..
5 Tage Kortison-Stoßtherapie ohne Erfolg, also ab in eine Spezialklinik..
2. Versuch: 3x2g hinterher.. Bislang hatten die Infusionen bei jedem Schub spätestens am dritten Tag angefangen zu wirken (außer wie gesagt bei der ersten Sehnerv-Sache)..

Tag 3 in der Klinik – und keinerlei Wirkung.. Auf einen Schlag war all mein Mut und Optimismus verschwunden und ich weinte den ganzen Tag über.
Seitdem ich denken kann, mache ich in Momenten tiefster Verzweiflung Musik… Als hätte das Leben das alles kommen sehen (😉), lag mein Klavier seit der letzten Bandprobe noch im Kofferraum meines Autos. Die nächsten vier Stunden spielte und sang ich im Aufenthaltsraum und fühlte mich auch schon ein wenig ausgeglichener, als plötzlich eine der Schwestern einen blinden (!) Patienten im Rollstuhl (!) hereinschob und mich darum bat, noch einen Song für ihn zu spielen. Ich konnte es kaum fassen – da saßen meine vermeintlich größten, bislang sorgsam verdrängten Ängste in EINEM Menschen vereint, einen Meter vor mir und lächelten mich unschuldig und erwartungsvoll an – soviel konnte ich noch erkennen. Es gab eigentlich nur zwei Möglichkeiten – wegrennen oder mich auf ihn(/sie) einlassen, eine Verbindung aufbauen, Sympathie empfinden – zurückgeben, was ich empfing.
Ich schloss die Augen und ließ einfach alles geschehen.
Eine andere Patientin filmte diesen irren Moment:

https://youtu.be/v0Tisjm2o44

Der ganze Aufenthaltsraum pulsierte, es war, als würde die Luft zittern – so intensiv waren in diesen Minuten die Gefühle, die ich hatte – als würde dieser, wie aus dem Nichts aufgetauchte Zuhörer, sie um ein Vielfaches potenzieren. Ohne mich danach noch mit ihm zu unterhalten (er war ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war) fiel ich merkwürdig erleichtert, aber auch todmüde und völlig fertig ins Bett – und wachte am nächsten Morgen mit 80% meiner Sehkraft auf dem rechten Auge wieder auf.

Erst viel später ist mir klar geworden, WELCHEN Song ich da eigentlich ohne nachzudenken gespielt hatte und wie WAHR und bezeichnend der Titel in dieser Situation noch dazu war! Besonders dann, wenn ich mich stur bemühe, nicht in mich hineinzusehen, wenn meine Selbstwahrnehmung getrübt ist und Ängste mich dazu bringen, vor mir selbst oder dem Leben weglaufen zu wollen – dann schickt mir genau dieses Leben Zeichen, z.B. in Form eines Schubes. Die MS hilft mir, mich selber wahrzunehmen, darauf zu achten, wie es in mir aussieht, auf eine Weise, wie es mir vor ihrer Zeit nie gelungen ist. 😜
Und wer seinen Betrachtungswinkel einfach mal ändert, sieht in ihr vielleicht genau wie ich, einen ganz besonders wertvollen Spiegel seiner Seele, ohne den er sich selbst vielleicht nie gefunden hätte.

Liebe Grüße,
Eva

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Und, kann man den Gänsehauteffekt nachvollziehen? Mir hat es jedenfalls echt den Boden unter den Füssen gerissen! Dieser Kommentar vereint ALLES in einem Video und ging mir sehr ans Herz! Ich denke, mehr muss ich dazu nicht sagen und lasse den Kommentar so stehen.

 

 

Liebe Eva, ich danke dir für diesen tollen Kommentar und dein ok. den hier teilen zu dürfen!

blumen

Herzlichst,
Katarina

Übrigens, für mehr MS der andren: die JuSu von Mama-Schulze führt die Reihe MS der anderen und lässt verschiedene MS-Betroffene von eben IHRER MS berichten, kann man HIER nachlesen

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3 Gedanken zu „Leben mit MS: Ein Kommentar, der mich zum Heulen brachte

  1. Pingback: Wochenrückblick 05.11.2016 | staublos

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