Blog – Krise – Sinnfrage – Gedankenstrudel

Seit längerer Zeit befinde ich mich in einer Blog-Starre die sich langsam in eine Sinnkrise gewandelt hat. Es ist nicht so, dass ich keine Ideen hätte oder nicht wüsste, worüber ich bloggen soll. Eigentlich ist es eher so, dass ich ganz viel schreiben möchte, die Zeit oder die Energie dazu dann fehlt. Wenn zu viel Zeit vergangen ist, dann mag ich auch nicht mehr darüber schreiben.

Auch auf Social Media bewege ich mich eher passiv. Also ich lese zwar regelmässig und verteile meine Herzchen, beteiligen mag ich mich dann irgendwie doch nicht.

Heute habe ich auf Twitter geschrieben, ich hätte keine Lust mehr zu bloggen und eben auch nicht mehr so auf Social Media. Darauf bekam ich von @sandrastrazzi einen Kaffee angeboten, die @GluckeundSo fragte gleich nach woran es liegt und @NaLos_MehrBlick stellte genau die richtigen Fragen. Plötzlich fing es wieder an zu rattern und im Laufe des Morgens bekam ich schon fast sowas wie einen klaren Kopf. Ich schreib das jetzt einfach mal auf und mal sehen, ob das alles einen Sinn ergibt.

Der Anfang

Ich blogge seit Frühling 2014 über meinen Alltag, Familie und MS. Als ich anfing darüber zu schreiben, war ich eins der ersten Schweizer MS-Blogs. Überraschenderweise kamen plötzlich die Leser und ich war überwältigt von den Emails, das hatte ich nicht erwartet. Ich habe mich ausgetauscht, geschrieben und echt nette Menschen dadurch kennen gelernt. Mir war es wichtig aufzuklären und dieses veraltete MS-Bild zu entstauben. Mein Blogname und Nickname STAUBLOS entstand da eigentlich zufällig und noch vor dem Blog. Mittlerweile ist es so, dass bei gewissen Google Suchen mein Blog in den oberen Reihen erscheint und ich scheinbar zu vielen verschiedenen Themen schon meinen Senf gegeben hab. Manchmal möchte ich etwas recherchieren, google und schon steht da wieder was von staublos.ch. Versteht mich nicht falsch, es ist echt ein lustiges Gefühl und hat nix mit Angeberei oder Prahlerei zu tun, es freut und überrascht mich zugleich. Mein Ziel, unbedingt aufklären zu wollen, habe ich also schon irgendwie erreicht. Und wenn mir Leute vom Unispital Zürich sagen, dass sie mich kennen und das Blog schon lange verfolgen, dann bin ich echt platt!

Leser Mails

Mittlerweile ist es so, dass meine Leser anders auf mich zu kommen. Ich habe das Gefühl, sie trauen sich nicht mir zu schreiben. Meistens fängt jetzt die Email mit: „Entschuldigung dass ich störe, aber vielleicht hättest du Zeit und ich wäre wahnsinnig froh, wenn du mir antworten könntest, aber ich würde auch verstehen, wenn du keine Zeit hast“ an. ICH WILL DAS NICHT! Warum haben meine Leser das Gefühl, ich hätte keine Lust zurück zu schreiben oder warum entschuldigen sie sich für die Kontaktaufnahme? Früher war es doch so einfach und niemand hatte das Gefühl, er/sie würde mich stören. Ich antworte ja auch nur dann, wenn ich Zeit habe und manchmal bin ich auch nicht in Stimmung und antworte halt etwas später. Aber ich will nicht dieses Bild vermitteln. Aus irgendwelchen Gründen ist das passiert und das stört mich sehr!

Andere MS-Blogs

Es kommen immer mehr neue MS-Blogs und das finde ich toll! Oft habe ich meine Leser dazu aufgemuntert, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Wir sind verschieden, unsere Leben sind verschieden, trotzdem kennen wir die Symptome von denen die Andren reden. Jetzt werden sie immer mehr und ich freue mich ganz ehrlich über diese Entwicklung, denn zusammen sind wir viele und zusammen können wir das MS-Bild entstauben! Ich lese jetzt oft „meine“ Sätze in anderen Blogs einfach unter einem anderen Titel. Das alles finde ich gut, denn eben, es geht darum endlich eine lautere Stimme zu bekommen. Was mich allerdings stört, ist nichts neues und ist seit Monaten schon in den Mama-Blogs zu beobachten. Wir beschäftigen uns meistens mit dem gleichen Thema und niemand erfindet das Rad neu. Trotzdem wird nicht verlinkt oder in einer Gemeinschaft gebloggt. Ich bekomme immer mehr das Gefühl herrschender Konkurrenz. Niemand möchte den Ideengeber erwähnen oder gar auf seine Seite verlinken. Da denk ich mir manchmal echt, haben wir nix besseres zu tun als zu konkurrieren statt uns gegenseitig zu helfen oder zu pushen? Ich beziehe mich hier auf niemanden explizit, es ist einfach das seltsame Gefühl. Mir verdirbt es einfach nur etwas die Lust. Ich frage mich manchmal auch, wie es sein kann, dass ich bei Google so weit oben ranke aber auf Facebook immer noch bei 160 Abonnenten dümple? Meine Twitter Follower sind seit Ewigkeiten immer konstant und nur bei Instagram steigen sie kontinuierlich. Als ich eine Blogparade gestartet habe, haben glaube ich 2 Blogs (Dani <3) mitgemacht. Mein Glücksprojekt wird gelesen, bekommt Leser und Kommentare, aber kein einziger Blog macht mit Verlinkung mit. Ist das nur mein gekränktes Ego oder will man mir nicht öffentlich die Aufmerksamkeit geben und dazu stehen? Manchmal kommt es mir vor, als ob ich irgendwie gedisst werde.

Gruppe für jüngere MSler – Multum Sensus

Als das Blog wieder erwartet viele Leser anzog, sah ich für mich ein Problem, welches zur Zeit nicht aufgegriffen wird. Meiner Meinung nach, bekommen die jüngeren MSler keine Austauschmöglichkeiten. Die regional und Selbsthilfegruppen sind meiner ganz persönlichen Meinung nach, überaltert. Eine MS Diagnose bekommt man normalerweise im Alter, in dem man noch voll im Berufs- Familienleben steht bzw. startet. Ich hatte nie grosse Lust eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, in der die Überzahl Ü70 ist. Nicht weil ich etwas gegen ältere hätte, sondern, weil wir einfach eine ganz andere Generation sind.

Nun habe ich die Möglichkeit bekommen, durch die Schweizerische MS Gesellschaft unterstützt, eine neue Untergruppe der Reginalgruppe St. Gallen aufzubauen. Unterstützung habe ich von der Reginalgruppenpräsidentin und 3 weiteren super tollen Frauen bekommen. Zwei davon habe ich übrigens über Social Media kennen gelernt. Wir haben uns entschieden, ein ungezwungenes Feierabendbier für 20 bis 45 jährige anzubieten. Diesen Donnerstag, 23. März 2017 ist es nun endlich soweit. Unser erstes Treffen steht an und ich freue mich so sehr, dass das geklappt hat. Auch nur schon wegen der Zusammenarbeit mit diesen 4 super tollen Frauen, hat sich der Aufwand gelohnt. Ich vermute jetzt, durch das Erreichen dieses Ziels, habe ich auch hier das Gefühl, das Gewollte erreicht zu haben…und nun?

Der Blog Aufwand

Ich habe keine Kinderbetreuung und meine Kinder sind wie folgt in der Schule: 8:00 bis 11:45 und zwei Nachmittage 13:45 bis 15:25 Uhr. Diese Zeit nutze ich für so ziemlich alles: Haushalt, Arzttermine, Sport, kochen, waschen und eben bloggen. Der Blogaufwand ist natürlich mit der Zeit gestiegen und es machte mir noch immer sehr viel Spass. Ich wurde an Kongresse eingeladen und durfte spannende Gespräche führen. Das ist alles sehr spannend und macht mir wahnsinnig viel Spass.

Was ich nicht so lustig finde: Bei jeder Einladung muss ich darauf bestehen, wenigstens meine Reisekosten bezahlt zu bekommen. Oder ich bekomme Anfragen wie: hallo Staublos, wir finden deine Arbeit so toll und würden uns freuen wenn du übermorgen nach Heidelberg/Hamburg/Nürnberg kommst weil da ist eine grosse Gesundheitsmesse u.a. auch über MS und es wäre toll wenn du auch kommst und darüber berichtest. Klar, ich freue mich sehr über solche Anfragen. Aber ich kann es mir nicht leisten die ganzen Kosten und meistens die Übernachtungen selber zu bezahlen. Wenn ich dann wenigstens die Reisekosten bezahlt haben möchte, ist das Erstaunen sehr gross, von Aufwandsentschädigung ganz zu schweigen. Ich habe keinen Sugardaddy der mich aushaltet und ich habe auch keinen Geldbaum im Garten. Für solche Aufwände muss auch ich Geld in die Hand nehmen. Sehen, dass ich irgendwie die Kinderbetreuung organisiere. Wenn es nicht zwei Tage vorher ist, kann mein Mann manchmal auch auf Home Office ausweichen. Ich schreibe dieses Blog weil es mir Spass macht und ich setze mich sehr für Aufklärung ein, aber diese Arbeit braucht viel Zeit und Zeit ist kostbar. Oder wenn Ärzte mir von sich aus ein Interview anbieten, ich meine Fragen zusammenstelle, zu sende und dann kommt einfach nichts mehr. Das frustriert! Es frustriert mich, dass alle denken, ich habe ja MS also kann ich doch alle meine Infos. aus dem Ärmel schütteln. Und Zeit habe ich doch eh genug, also sollte es mir doch Spass machen. Macht es ja auch, aber wie viel möchte ich noch dafür aufwenden?

Ich bin mehr als nur MS

Als ich angefangen habe zu bloggen, da ging es mir zu zeigen, wie das Leben mit MS und als Familie ist. Wie erwähnt, ist mir das ja auch gelungen (nervöses Augenzucken an dieser Stelle). Aber ich bin viel mehr als MS. Ich habe so viele andere Interessen und möchte mich eigentlich nicht nur auf MS beschränken. Ja, ich liebe Mode und ich habe ein Ankleidezimmer welches ziemlich, ähm, gut gefüllt ist. Manchmal hätte ich Lust, halt einfach meine Einkäufe wie die von letzter Woche zu fotografieren und zu zeigen. Oder die tollen Schuhe empfehlen. Aber dann frage ich mich, könnte das meine Leser überhaupt interessieren? Auf meine „Beichte“ ich würde mich auch in „schlechten Zeiten“ schminken, gab es ziemlich seltsame Kommentare. Darf ich keine Freude am Lifestyle, Mode und Beauty haben, nur weil ich krank bin und vielleicht ein Teil sich nicht damit identifizieren kann? Diese Fragen habe ich mir zu Beginn nicht gestellt. Ich habe meine exzessive Vorliebe zu Essie Nagelläcken zur Schau gestellt und mit Affiliate Links versehen weil es mich einfach gefreut hat. Irgendwann hat sich eben dieser erwähnte Gedanke eingeschlichen. Stosse ich jemanden vor den Kopf wenn ich berichte, dass ich mir jetzt wieder zwei neue Paar Frühlingsschuhe gekauft habe oder meine Nägel jede Woche lackiere und die anderen können nicht mal selbständig Essen? Oder wenn ich schreibe, dass ich wieder Sport gemacht habe weil es mir einfach gut tut und ich es viel regelmässiger machen möchte? Ist das eigentlich gemein, jemanden gegenüber der bettlägerig ist?

Das ist unter andrem vermutlich ein Grund an meiner Blog-Lustlosigkeit. Irgenwie ist diese Unbeschwertheit weg und ich habe das Gefühl bekommen, eine Verantwortung zu tragen. Ich habe mich deshalb gefragt, ob ich aus dieser MS-Nische raus will. Andererseits habe ich mich ja nie verstellen müssen. Irgendwann hat sich aber unbemerkt dieses Gefühl hinein geschlichen.

Die Frage ist, wohin möchte ich? Ich kenne mich und schnell verliere ich das Interesse wenn ich das Gefühl habe, eins der Ziele erreicht zu haben. Ich muss weiter ziehen und mir neue Ziele setzen. Stillstand mag ich nicht und ausruhen auf dem was ich habe, auch nicht. Also was will ich?

Professionalität 

Gesundheitsthemen, MS und z. B. Patientenkommunikation ist ein grosses Ding welches mich beschäftigt. Ich möchte sehr gerne auch die Ärzte erreichen in der Hoffnung, etwas zu verändern. Leider fehlt mir der erwähnte Sugardady weil das sehr viel Aufwand und viele Kosten bedeutet. Mein Mann war (und ist) bisher immer sehr begeistert von meinem Tun und hat mich immer unterstützt in dem was ich mache. Aber ich frage mich langsam, wie weit möchte ich den ganzen Aufwand aus meiner Tasche bezahlen? Das nimmt die ganze Leichtigkeit weg. Nützt irgendjemanden meine Arbeit? Ist das Interesse überhaupt da? Es geht mir nicht um Geld, aber es stört mich, dass es als selbstverständlich gehalten wird. Von guten Taten und meiner positiven Einstellung kann ich mir auch kein Brot kaufen (oder neue Schuhe)…

Privatsphäre 

Ich schreibe sehr gerne auch über meine Kinder und die ganzen Erziehungsgeschichten weil mich das sehr beschäftigt. Über Umwege kamen aber auch Leute aus meinem weiteren Umfeld auf das Blog und fingen an zu lesen. Wenn ich ein Problem mit der Öffentlichkeit hätte, dann würde ich nicht so offen über mein Leben schreiben. Ich möchte es ja auch aus der Nähe zeigen und andere motivieren. Trotzdem mag ich es nicht, wenn Mütter der Klassengspändli meiner Kinder über meine tiefsten Gefühle Bescheid wissen. Denn mit diesen Müttern habe ich auf dem Schulhof nichts gemeinsam. Deshalb schrieb ich lange nichts mehr zu den Kinderthemen, obwohl sie mir sehr unter den Nägel brennen. Versteht ihr, es ist eine Zwickmühle.

Fazit

Nach drei Jahren bin ich jetzt an einem Punkt, an dem ich irgendwie keine Lust mehr habe. Ich zweifle am Sinn des ganzen. Manchmal denke ich, ich lasse es einfach sein und höre mit dem Ganzen auf. Nadine hat heute Morgen gefragt, ob es nicht an grosser Erwartungshaltung von mir selbst liegt und am selbstgemachten Druck. Ja, da ist sicher was dran. Da ich mir überhaupt diese Gedanken gemacht habe, zeigt, dass ich mich irgendwie zurückgenommen habe aus Rücksicht anderen gegenüber. Dabei zwinge ich niemanden hier zu lesen.

Als mich auf Twitter die Reaktionen erreicht haben und nachgefragt wurde, was denn los sei, hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass ich unbedingt darüber bloggen muss. Ich weiss, dass mich sehr viele Bloggerkolleg/Innen verstehen und ich bin nicht die Erste, die daran zweifelt. Jetzt habe ich mal diese verschiedenen Gedanken aufgeschrieben und lass es jetzt einfach mal auf mich zu kommen, sortieren.

Was ich jetzt ganz klar weiss, ich muss wieder das machen, was mir Spass macht. Dann gibt es halt was über Mode und Beauty, auch wenn das nicht alle interessiert und niemand das auf Social Media liked oder teilt. Es ist mein zu Hause und es muss mir gefallen.

Ich liebe meine treuen Leser und ihre Kommentare…

Ich danke für das offene Ohr! ❤ und sorry für das durcheinander der Gedanken…