Endspurt Schule

Diesen Sommer stehen bei uns grosse Schulwechsel an. Der kleine Sohn kommt in die erste Klasse und der grosse Sohn in die dritte Klasse. Ich kann mich noch immer an den Kindergarteneintritt des Grossen und an den, des Kleinen erinnern. Ich kann sogar sagen wie das Wetter war, was wir an hatten und wie ich dann leicht verwirrt nach Hause ging um das Mittagessen zu kochen.

Der kleine Sohn ist bereit für die Schule. Er kann es kaum erwarten ein Schüler und kein Kindergartenkind mehr zu sein. Die Einschulungstests hat er bravourös hinter sich gebracht und prahlt schon wie gut er mit Zahlen umgehen kann. Tatsächlich scheint es so, dass ihn Zahlen faszinieren und er fordert immer wieder, ich soll mit ihm kopfrechnen. Ich weiss zwar nicht woher diese Zahlenliebe kommt, aber ich bilde mir ein, dass er vielleicht ein Rechengenie werden könnte und seine Mathehausaufgaben mit Leichtigkeit und Spass machen wird. Ich kann mit Zahlen eher nix anfangen und Kopfrechnen war noch nie meine Stärke, aber, der Genpool wurde ja gemischt und wer weiss, was sich da noch für versteckte Schätze auf den Chromosomen tummeln. Aber, ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich nicht fragen würde, wie seine schulische Laufbahn wohl sein wird.

Beim grossen Sohn sieht die ganze Geschichte so aus: Er kommt in die dritte Klasse und wird seine 6(!!!) Lehrperson bekommen. An dieser Schule gab es viele Lehrerwechsel und seinen Jahrgang hat es halt getroffen. Auch er hat die Einschulungstests damals bravourös gemeistert, was die Kindergartenlehrerin etwas überrascht hat. Er hat Strategien entwickelt, wie er sich durch den Unterricht möglichst unauffällig durchmogeln kann. Deshalb war der Kindergärtnerin auch nicht ganz klar, was er so drauf hat. Jedenfalls haben sich der Mann und ich damals nach dem Elternabend mit stolzgeschwellter Brust sehr gefreut, dass das Kind immerhin als drittbesster der Klasse die Prüfungen abgeschlossen hat. So kam er in die erste Klasse und brachte täglich Hausaufgaben nach Hause. Noch in der Schwangerschaft habe ich mir vorgestellt, wie ich freudestrahlend, in mir ruhend, meinem wissensdurstigem Kind bei den Hausaufgaben helfen werde. (Aber ich dachte damals auch, stillen wird sehr romantisch sein bis ich den ersten Milcheinschuss bekam.)

Jedenfalls verstand das Kind nicht, warum er die Buchstaben unzählige male in diesem Schreibheft schreiben soll, wenn er schon längst alle Buchstaben kannte. Bei Lesespass echauffierte er sich über den veralteten Namen des Drachenjägers. Kein Mensch würde so heissen. So ging das Tag ein, Tag aus. Meine romantische Vorstellung von gemeinsam Hausaufgaben machen, hat sich ziemlich schnell in Luft aufgelöst und ich ertappte mich immer wieder, wie ich entnervt sagte, dass er jetzt trotzdem alle diese Buchstaben seitenweise schreiben muss, obwohl er sie schon kann, weil man das in der Schule so machen muss. Manchmal stürzte ihn das in fiese Heulanfälle, was die Hausaufgabenerledigung nicht gerade förderlich beeinflusste.

Da mein Sohn ein guter Redner und sehr plausible Argumente hervorbringen kann, lies ich mich auch immer wieder unbemerkt in diese endlosen Diskussionen einlullen. Ich habe das Internet nach Tipps für hausaufgabengeschändete Eltern abgegrast. Ich habe ein Belohnungssystem nach dem anderen eingeführt und kurze Zeit später wieder entnervt verworfen. Jasper Juul wurde mein treuer Begleiter und ich hätte dem Kind Diagnosen stellen können über Hochsensibilität, Asperger Syndrom, AD(h)S. Nach meinem Wissenstand, hätte ich problemlos eine Schulklasse unterrichten können. Ausser mein eigenes Kind. Irgendwann hiess es von der Schule, das Kind sei langsam weil er Linkshänder sei und Ergotherapie braucht. Nach der Abklärung hiess es, das Kind hat überhaupt keine motorischen Probleme. Zum Glück war in der Zwischenzeit die erste Klasse schon vorbei und ich stellte mir vor, wie das Kind in den Sommerferien einen riesigen Entwicklungsschub machte. (Oh ja, diese lieben Entwicklungsschübe, genau wie die sagenumwobenen Phasen und alles wächst sich aus.)

Zweite Klasse, alte Geschichten. Kaum ging die Schule los, gab es wieder einen Lehrerwechsel. Drei Wochen später wurde ich auch schon zum Gespräch eingeladen weil die Lehrerin das Kind nicht einordnen konnte. Sie erzählte mir von ihren Kindern, die zwei Jahre älter waren als meins und ihren schulischen Problemen. Alle meine Geschichten kannte sie bereits und empfahl mir, das Kind auf AD(h)S testen zu lassen. Das Kind ist zum Termin hin und hat brav alles gemacht, was gefordert wurde. Tatsächlich hat er die Diagnose ADS bekommen. Die Therapeutin machte uns darauf aufmerksam, dass er sehr intelligent ist und seine Intelligenz das Konzentrationsdefizit ausgleicht. Dadurch ist er ein ganz normales, durchschnittlich intelligentes Kind. Schön!

Jetzt ist aber so, dass dieses intelligente Kind ein Tagträumer ist. Seine Antennen nehmen alles was in seiner Umgebung passiert wie ein Schwamm auf. Also kann er mir erzählen was der Fritz vorne links in der zweiten Stunde gesagt hat als die Lehrerin irgendwas von verliebten Zahlen erzählt hat, wie der Max zurückgeschaut hat als die Lehrerin die Geschichte mit den Olchi-Fürzen vorgelesen hat, was Melinda in der Znünibox hatte, welche Farbe das T-Shirt der Lehrerin vor drei Tagen hatte und dass er die Umweltverschmutzung ganz schlimm findet. Er die Welt retten möchte aber trotzdem kein Vegetarier sein könnte, weil er das Fleisch doch so gerne mag, die Kuhfürze die Ozonschicht schädigen und ihn das in tiefste Verwirrung wirft. Ach ja, und irgendwas hätte er sich wegen der Zahlenpyramide und den verliebten Zahlen merken sollen. Aber das hat er ja vergessen, weil weisst du Mama, ich werde Autos erfinden, die keine Umweltverschmutzung machen und überhaupt, warum sollte ich die Schnürlischrift lernen, wenn ich sowieso alle Pläne auf dem Computer schreiben werde. AAAAAAAAAh…ich versuche tief durchzuatmen. Manchmal geht das gut und manchmal etwas weniger. An den etwas weniger guten Tagen, da will ich einfach, dass sich das Kind hinsetzt und diese 25min. einfach die blöden Hausaufgaben macht. Es ist mir sowas von egal ob er irgendwann die Welt rettet oder ein Heilmittel erfindet. Ich wünschte mir nur, dass er ohne alles zu hinterfragen, einfach diese Seite Schnürlischrift hinkritzelt. Manchmal wünsche ich mir, ihn würde nicht alles interessieren und es wäre egal wie was funktioniert und er nur die Hälfte von all dem wüsste. Seinem Gitarrenlehrer sagt er, er könne das Lied nicht üben weil der Titel total doof ist. Ausserdem passt der Refrain überhaupt nicht zum Rest des Liedes und er würde den D-Akkord hier viel passender finden. Er will ins Karate und sobald er den roten Gurt bekommen hat, nicht mehr hin gehen will, weil er ja schon etwas erreicht hat.

Im August kommt er in die dritte Klasse. Er geht noch immer sehr gerne in die Schule und freut sich darauf. Wieder wird er eine neue Lehrperson bekommen. Diese wird zuerst herausfinden müssen, wie das Kind tickt. Vielleicht wird auch sie ihn in den ‚ist zu langsam‘ Topf werfen und denken, dass ihm das Potential fehlt. Vielleicht wird sie aber auch erkennen, dass bei ihm sehr viel mehr zu holen ist als es auf den ersten Blick scheint. Mir bereitet es jedenfalls jetzt schon langsam schlaflose Nächte. Nach den ersten zwei Klassen, habe ICH Angst vor der Schule!

Wie lange dauert es, bis der erste Anruf kommt und ich zum Gespräch in die Schule muss? Aber, ich werde mich daran erinnern, wie ich Heute hier sass und diesen langen Text in die Tastatur gehauen habe, was ich an hatte und wie das Wetter war. Vielleicht erinnere ich mich auch daran, dass das schöne Lied von Robbie Williams im Radio lief….ähm ja 🙂

Und ja, die Sommerferien kommen, Entwicklungsschub und so…

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14 Gedanken zu „Endspurt Schule

  1. das ist MEIN SOHN und mir graut jetzt schon vor der schule nächstes jahr. und ich kann bis dahin sein gezappel und gehampel und geplapper so wahnsinnig schlecht tolerieren oder ausblenden weil… du weisst schon. danke für den post!

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  2. Liebe Katarina,

    ja, es ist schon merkwürdig, alle Menschen wollen immer von Anfang an gern lernen und freuen sich über alles, was sie dann können/kennen. Das geht so lange, bis sie in die Schule kommen und ihnen das System des Lernens jede Lust daran nimmt. Ich habe das während meiner Schulzeit und ebenso bei meinen Freundinnen und ihren Kindern immer wieder so frustrierend erlebt. Für mich kam daher nur eine Waldorfschule für meine Tochter in Betracht. Natürlich gab es da auch Sachen, die mich genervt haben, z.B. bei den Elternabenden, aber ich habe das Gefühl, dass es für die Kinder wunderbar war. Stress mit den Hausaufgaben und Lernunlust habe ich da nicht mehr erlebt. Und es gab eine gute Klassengemeinschaft, die Rücksicht auf die unterschiedlichen Stärken und Schwächen nahm. Mittlerweile ist meine Tochter erwachsen und für sie steht fest, dass auch ihre Kinder unbedingt zur Waldorfschule gehen sollen. Vielleicht wäre das auch eine Alternative für Euch?

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    • Liebe Gabriele
      Ja das scheint tatsächlich bei vielen Kindern so zu sein. Sie sind so wissensdurstig aber irgendwie schafft es die Schule nicht diesen Wissensdurst zu stillen. Bei uns gibt es leider keine Waldorfschule in der Nähe. Die nächste Steinerschule ist über 10km weiter weg und da es eine Privatschule ist, sind die Kosten enorm hoch. Hach, ich lass es jetzt mal auf uns zu kommen und sehe, was das neue Schuljahr mit sich bringt.
      Liebe Grüsse, Katarina

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    • Es muss nicht unbedingt heissen, dass es bei allen so ist. Meine Kompliziertheit trägt sicher einen grossen Teil dazu bei…
      Aber schon nächstes Jahr? Die Zeit vergeht viel zu schnell!
      Liebe Grüsse euch ❤

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  3. Pingback: Wochenrückblick 27.06.2015 | staublos

  4. Wenn ich das so lese, bin ich froh das meine Erwachsen sind und ich diesen „Wahnsinn“ überlebt habe. Ob es besser wird kann ich dir nicht sagen, aber was ich dir sagen kann ist: „es wird anders“ 🙂 Grüßle Chrissi

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