Verbitterung durch Krankheit

Warum sind kranke Menschen nicht mehr so wie vor der Krankheit? Verändert sich die Persönlichkeit? Sind sie verbittert? Interessieren sie sich nicht mehr für ihr Umfeld?

Ich kenne jemand, der jemand kennt, der kennt jemand…Im Bekanntenkreis hat jemand MS und auf meine Nachfrage, wie es denn diesem Jemand mit der MS geht, bekam ich die Antwort, er sei ein Arschloch geworden. Sehr unfreundlich, zickt herum, man kann sich nicht mehr mit ihm unterhalten, einfach nicht mehr die selbe Person, die er vor der Diagnose mal war…

Ich für mich, kann es so erklären. Eine Krankheit und wenn es dazu eine chronische ist, kann leicht zu einer Art Verbitterung führen. Die Krankheit ist chronisch, d.h. man ist unheilbar krank und bis ans Lebensende von dieser Krankheit befallen. Egal was man man macht und egal was man dagegen unternimmt, man bleibt krank. Es gibt Zeiten, da rückt die Krankheit in den Hintergrund. Bei vielen Menschen ist eine Krankheit auf den ersten Blick nicht sichtbar. Trotz allem ist sie da und sie bleibt für immer. Genau wie dieser Gedanke, der sich beim Betroffenen ins Innere gebrannt hat, mal mehr und mal weniger stark. Immer abhängig der derzeitigen Symptome. Ich bin krank und werde es für immer bleiben.

Ich denke, diese Gedanken kann man auf ganz viele verschiedene Situationen bzw. Diagnosen ausweiten.

Als ich mein erstes Kind geboren habe, war ich die ersten Tage wie in Trance. Meine kleine Familie war für mich wie in einer kleinen, in Watte gepackten, Wolke. Abgeschirmt vom Leben, welches draussen einfach so weiterging. Meine kleine Welt stand still und alles andere war mir egal. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich überhaupt kein Interesse am Weltgeschehen, geschweige an irgendwelchen, für mich sinnlosen Kleinigkeiten. Das hat mich sehr überrascht, weil mir aufgefallen war, dass mich auch der Alltag meiner Freunde und anderer Familienmitglieder in diesem Moment nicht interessierte. Wenn jemand über seinen Job jammerte, kam mir das so banal vor, so sinnfrei. Meine kleine Welt war mit etwas völlig anderem beschäftigt. Ich denke, viele Mütter können diesen Gedanken nachvollziehen.

Etwa so fühlt es sich an, wenn man eine chronische Krankheit hat. Die Probleme und die Kleinigkeiten der anderen verlieren plötzlich die Bedeutung. Die Gewichtung der Probleme sieht anders aus. Manchmal ist man in dieser Krankheitswolke gefangen und dann interessiert es nicht mehr, wie viel der Bekannte für die neuen Winterreifen bezahlt hat. Wo es das beste Angebot für neue Ski gibt. Ob die Freundin sehr tolle neue Schuhe gekauft hat und wer wo Silvester feiern wird. Der Alltag der anderen wird plötzlich uninteressant, weil man sich diese Fragen zu diesem Zeitpunkt, nicht mehr stellen kann. Man hat ganz andere Probleme und diese Probleme sind von einer ganz anderen Natur. Unbeschreiblich. Der Berg einer chronischen Krankheit ist unbezwingbar, egal was man dafür tut. So etwas kann schnell zu einer Verbitterung führen. Man zieht sich zurück- einerseits aus Krankheitsgründen und fehlender Energie/Kraft und andererseitst wird man gleichgültig, wenn ein gesunder Mensch über Banalitäten jammert. In diesem Moment wünscht man sich die Banalitäten der Gesunden. Vielleicht ist es auch eine Art Neid auf einen gesunden Menschen, der noch nie die Erfahrung gemacht hat, wie es ist, eine Krankheit zu haben.

Ich denke, man darf Verbittert sein und die Gesunden manchmal beneiden. Trotzdem dreht sich die Welt weiter. Nur weil die eigene Welt etwas aus den Fugen geraten ist, kann man nicht erwarten, dass die Welt der Umgebung ebenfalls stehen bleibt. Es ist wichtig, sich dieser Verbitterung nicht hinzugeben. Denn eine Verbitterung führt genau dazu, dass das Umfeld sich irgendwann zurückzieht. Am Ende steht man da mit seiner Verbitterung und hat Niemanden, der einem daraus wieder heraus hilft. Freunde möchten normalerweise beistehen und helfen, lassen muss man sie aber schon. Nur, wenn die ständig abgewiesen und angemotzt werden, irgendwann haben diese auch keine Lust mehr der Blitzableiter zu sein. So schlittert man in ein einsames und verbittertes Dasein.

Selbstmitleid darf auch mal sein, nur sollte man nicht vergessen, wieder aus diesem heraus zu finden. Manchmal auch mit professioneller Hilfe. Ich hoffe, wir bekommen viel Verständnis von unseren Freunden und Familie, die auch den Mut haben uns manchmal auch die Meinung zu sagen und aufzurütteln.

Habt den Mut, eine Person auch mal mit unangenehmen Themen zu konfrontieren, denn vielleicht merkt diese Person nicht, dass seine Welt aufgehört hat sich weiter zu drehen…springt über den Schatten und versucht, die Welt anzustupsen, damit sie sich wieder weiter drehen kann…

Ich wünsche allen Seiten viel Verständnis und Mut, ein Versuch kann sich lohnen ❤

wolken