Kranke Mütter

Kranke Mutter ist eine Mutter, einfach mit etwas anderen Sorgen 

Das ist bei uns zur Zeit ein grosses Thema. Letzte Woche hat sich unser Alltag von jetzt auf sofort verändert da beim Routine-MRI zufällig ein neuer Schub entdeckt wurde. Die Kinder haben das natürlich alles mitbekommen. Ich gehe immer offen mit meiner MS um. Schon früh habe ich meine Kinder darüber aufgeklärt weil mir wichtig war, dass sie verstehen, warum es Mama manchmal nicht so gut geht.

Trotzdem werde ich sehr nervös wenn ich den Kindern erklären muss, dass Mama wieder MS-Probleme hat. Obwohl meine Kinder sehr offen sind, habe ich Angst ihnen zu sagen, dass Mama krank ist. Ich denke, es ist für keine Mutter einfach, ihren Kindern zu sagen, dass sie krank ist. Als Mutter hat man den unschätzbaren Status von Super-Woman. Mamas sind stark, Mamas trösten, Mamas haben immer eine Lösung, Mamas passen auf uns auf, Mamas helfen uns, Mamas wissen alles oder können zumindest googeln, Mamas können die Welt retten…

Was passiert, wenn diese Super-Mama krank ist?

Macht das Kindern Angst? Entstehen da irgendwelche Ängste, die sich tief irgendwo in die Kinderseele hinein brennen?

Meine Kinder hatten auch jetzt einfach nur Angst. Sie haben meine Arme angeschaut, die übersät mit blutunterlaufenen Infusionseinstichen waren. Die vierte Kortisoninfusion hat mir derart den Boden unter den Füssen weggerissen, dass ich in diesem Moment nur noch weinen konnte. Als die Kinder von der Schule kamen, wollten sie sofort wissen, warum ich so schlimm aussehe. Wenn ich ihnen sage, ich hätte geweint, weil mich das alles etwas traurig gemacht hat, dann sehe ich in ihren kleinen Kinderseelen diese Angst. Mama weint? Ich erkläre ihnen, dass es ok. ist auch traurig zu sein. Es ist gut traurige Gefühle zuzulassen und am besten ist es, diese rauszuweinen, weil die danach draussen sind und es einem dann viel besser geht.

Sie haben gefragt, ob sie MS bekommen können, wenn sie mit mir kuscheln oder mich küssen!  Oder ob ich an der MS sterben werde…

Diese Momente machen mich traurig und wütend. Eigentlich kann ich dieses Gefühl nicht beschreiben. Es ist diese Machtlosigkeit einer Krankheit gegenüber. Und es ist der Willen, den eigenen Kindern das möglichst schönste Leben zu bieten. Es ist schwer, in solchen Situationen nicht zu verzweifeln. Sich hinstellen und den Kindern ein gutes Vorbild sein, ist schon im gesunden Alltag nicht immer einfach. Deshalb möchte ich nur kurz erwähnen, für Mütter mit einer Krankheit ist die Last dieser Verantwortung noch ein wenig schwerer. Wir schleppen ein Päckchen am Bein mit uns durch den Alltag und geben unser Bestes. Wenn Körper und Geist dann nicht so funktionieren wie sie sollten, braucht es noch sehr sehr viel mehr Energie.

Was ich sagen wollte. Mütter, ihr seid Geisterjäger, Rotzabputzer, Köchinnen, Spielgefährtinnen, Heldinnen, Super-Woman und noch so vieles mehr. Und ihr Mamas, die durch eine Krankheit immer wieder in die Knie gezwungen werdet, ihr seid noch die viel grösseren Heldinnen, fühlt euch umarmt, ich weiss wie sich das anfühlt.

Ich bin eine kranke Mama und manchmal fühlt sich das so an:

ich stehe jeden Morgen nur meinen Kindern zu Liebe auf. Ich versuche die Spuren einer schlaflosen Nacht nach einer Dusche mit Makeup zu verstecken, bürste meine Haare, trage Lippenstift auf. Ich lächle. Ich ignoriere den Drehschwindel und halte mich beim Treppenlaufen etwas fester am Griff, damit ich nicht herunterfliege. Wenn ich wieder in einen Türrahmen laufe, tue ich so als ob nichts passiert wäre. Wenn ich stolpere weil die Krankheit gerade wütet, ich innerlich verzweifle, tue ich so als ob das völlig normal wäre. Ich koche für meine Kinder die leckersten und gesündesten Mahlzeiten obwohl ich keine Kraft habe und ihnen am liebsten einfach nur ein geschnittenes Stück Brot hinstellen möchte. Ich ignoriere die hohe Dosis Kortison in meinem Körper die mich innerlich wahnsinnig werden lässt. Ich tue so, als ob ich das verzögerte Flackern in meinem Auge nicht merke und lasse die Maschine mit der Wäsche laufen. Ich fahre mit meinen Kindern zum See spazieren obwohl mich das wahnsinnig viel Kraft kostet und ich mich viel lieber hinlegen möchte. Ich versuche nicht dauergereizt zu sein. Ich versuche nicht herumzuschreien weil mein ganzer Körper schreit. Ich reisse mich zusammen und versuche so normal wie möglich zu sein. Ich weine heimlich…und stehe am nächsten Morgen wieder auf, male mir ein Kämpfergesicht auf, für meine Kinder und für mich.

Manchmal sieht der Alltag einer kranken Mutter hinter der Fassade so aus. Ihr seid nicht alleine und ihr seid toll, genau so wie ihr seid!

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8 Gedanken zu „Kranke Mütter

  1. Pingback: Wochenrückblick 03.10.2015 | staublos

  2. Liebe Katarina,
    Wieder mal ein Post bei dem ich mich zu 100% wieder finde! Sind wir vielleicht seelenverwandt? 🙂
    Irgendwie tut es gut und man fühlt sich so verstanden! Im Alltag ist das leider nur bei meiner kleinen Familie und einer Hand „guten Freunden“ so…aber der Alltag mit Arbeit, Schule usw. spricht leider eine ganz andere Sprache! Hachz ich könnte jetzt noch soviel schreiben….aber ich ich sag dir lieber mal, dass du eine tolle Frau bist! Du bist gut so wie du bist!
    Drück dich und sende viele liebe Grüßle Melanie

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    • Liebe Melanie,
      Das mit der Seelenverwandschaft hab ich auch schon gedacht 😉
      Es ist manchmal einfach nur doof und schwer. Natürlich kämpfen wir und bemühen uns, dass alles gut läuft. Aber das ist halt nicht immer einfach und mir war es wichtig zu zeigen, wie es manchmal innen drin aussieht.
      Danke dir für deine Gedanken.
      Du bist sehr sehr toll!
      Alles Liebe, Katarina

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  3. Liebe Katarina,
    morgen fahre ich mit Barbara und Ruedi in die USA. Ich habe in den letzten Wochen deinen blog atemlos gelesen. Ich bewundere dich und wünsche dir immer wieder die Kraft, so weiterzumachen wie bisher. Es ist auch das beste für die Kinder, wenn alles transparent ist. Wir werden fest an dich denken und auch daran, dass wir für jeden guten Tag dankbar sein müssen, der ohne so grosse Sorgen verläuft. Alles Gute für dich und deine Familie.
    Isabel

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  4. Ich habe zwar keine MS, aber auch ich bin eine kranke Mutter. Ich habe eine emotional instabile Persönlichkeit, Depressionen die chronisch sind,… ich kann dich sehr gut verstehen!
    Auch ich habe ein Kind. Es tut weh zu sehn das man manchmal nicht das Beste fürs Kind machen kann oder auch die Kinderseele irgendwie drunter leidet.
    Hut ab vor dir! MS finde ich noch viel heftiger, denn das ist leider so unberechenbar und der Körper streikt so dermaßen 😦
    Wünsche dir und deiner Familie trotzdem alles Gute. Ich finde es wichtig wenn die Kinder auch miteinbezogen werden und man nicht alles vor ihnen verheimlicht. (Was du auch nicht tust) Sie finden schon so viel raus. Das habe ich gemerkt.

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  5. Jede Mutter tickt anders und will ihren Kindern einen anderen „Wert“ von sich vermitteln. Mir war es immer wichtig, das meine Kinder eben genau nicht den Eindruck bekommen das ich Super Kräfte habe und endlos funktioniere, denn wenn Kinder so denken und die Mama fällt mal aus, dann bricht doch erst diese Welt die man sich und den Kindern aufgebaut hat zusammen. Mir war immer wichtig das meine Kinder aufgeklärt wurden, ehrliche und realistische Einschätzungen bekamen und lernten, das man nur als Team funktionieren kann. Eine Familie ist ein Team und wenn ein Mitglied mal schwach ist und ausfällt müssen die anderen da sein und es mit tragen. Ich wünsche dir weiterhin gute Besserung und bin überzeugt das deine Kids das alles wunderbar weggestecken. Drück dich ganz lieb aus der Ferne ❤

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