Craniosacral Therapie

Gestern hatte ich meine erste Cranio Sacral Therapiestunde. Was soll ich sagen? Es ist abgefahren, seltsam, trotzdem logisch, irgendwie einfach geiler Scheiss!

Mein Neurologe hat mir diese Therapieform schon lange empfohlen. Nur konnte ich mich nicht dazu überwinden, das mal auszuprobieren. Ich hatte Vorurteile gegenüber dieser Methode, weil ich der Meinung war, dass da mit sowas wie Handauflegen gearbeitet wird. In meinem Physiocenter bieten sie seit einigen Wochen eben diese Cranio Sacral Therapie an. Nachdem ich ständig darauf angesprochen wurde, habe ich einen Termin abgemacht.

Dabei wurde ich über die Methode richtig aufgeklärt und fand, ich gebe mich dem hin und probiere es aus. Bei dieser Behandlungsform geht es um abgewandelte Osteopathie. Der Unterschied zu Osteopathie (Knochenheilkunde) ist die tiefere Behandlung bzw. die Verbindung zwischen Schädel und Kreuzbein sowie Gehirn- und Rückenmarkshäuten. Die Gehirnflüssigkeit (Liquor) pulsiert offenbar rhythmisch durch das Rückenmark und beeinflusst die Entwicklung und die Funktionsfähigkeit des ganzen Körpers bzw. Menschen.

Wooohoooo! Hokuspokus, klingelt es noch immer in meinen Ohren!

Dann hat die Therapeutin bei meinem Kreuzbein angefangen, mit extrem sanften Bewegungen, das Ganze zu Massieren, oder in Fluss zu bringen. Ihre Handbewegung habe ich an sich garnicht richtig wahrgenommen. Abgesehen davon, dass ich mit meinem Steissbein auf ihrer Hand lag. Aber die Bewegung, in diesem Fall korrekt ausgedrückt, den Fluss der Körpersäfte (mhihihi) habe ich deutlich gemerkt. Nach kurzer Zeit hat ein Kribbeln in meinem Körper angefangen zu wandern. Der Magen fühlte sich an wie ein riesiger und schwerer Stein. Danach taten mir meine fehlgestellten Oberschenkelknochen weh. Dann wanderte irgendwas seltsames in die Schulterpartie und dann hoch zum Nacken und zwar genau dorthin, wo ich meine bösen Verspannungen habe. Dazu kamen schon bald leichte Kopfschmerzen dazu. Irgendwann habe ich der Therapeutin gesagt, was ich dabei alles merke und sie ist darauf hin fast ausgeflippt. Ich glaube, die hätte mich am liebsten umarmt. Jedenfalls fand sie es bemerkenswert, was für ein Körpergefühl ich habe. Sie meinte, es sei sehr aussergewöhnlich, dass die Patienten, das so genau spüren und zuordnen können.

Wenn das wirklich ernst gemeint ist, wäre das ja nix neues für mich. Wir erinnern uns an meine Empfindlichkeit den Medikamentennebenwirkungen gegenüber. Ich habe es der Therapeutin auch gesagt, dass es bei meiner Krankheit nicht so toll ist, jedes Surren und jedes Zucken und alle diese MS-Begleiterscheinungen genau zu spüren. Dass die Ärzte vermutlich genervt sind an meinen Körper- Symptomempfindungen und mich für abgedreht  halten.

Sie schaut das offenbar als eine besondere Gabe oder Geschenk an. Nur weiss ich nicht, was mir das zur Zeit nützen soll oder was ich daraus machen soll. Oder hat jemand Lust bei mir vorbeizukommen und ich mache dann Handauflegen? 🙂

Danach widmete sie sich meinen Schädelknochen und meinen Hirnhäuten. Scheisse, dieses Ziehen in den Schläfen, das Pochen und wie mein Kopf plötzlich ganz heiss war. Die Stunde ist extrem schnell vorbei gewesen und ich war richtig tiefenentspannt. Abends bin ich dann trotzdem kommatös auf dem Sofa zusammengebrochen. Heute fühle ich mich gut, das Körpergefühl ist ganz ok. Vielleicht habe ich sowas wie einen Energieschub bekommen da ich mich auch noch auf den Stepper geschwungen habe. Oder der Kommentar von Sohn gross, meine Oberarme seien fett, hat den Schweinehund ins Gebüsch geschubst.

Das war jedenfalls meine erste Cranio Sacral Therapiestunde. Nächste Woche habe ich den zweiten Termin und bin gespannt, was dieser bringt.

MS-ler gelten als schwierig.

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr interessanten Kommentar bekommen. Jemand, der selber MS hat, hat mich darauf hingewiesen, dass ihr/ihm aufgefallen ist, dass MS-ler als schwierig gelten. Die Psyche reagiert ebenfalls auf die Schübe und natürlich die Medikamente, die den Rest dazu geben.

Dieses Thema hat mich sehr beschäftigt und ich habe immer wieder darüber nachgedacht.

Nun, es liegt auf der Hand, die Psyche reagiert auf die Entzündungen. Es werden so viele Botenstoffe vom Gehirn aus ausgeschüttet und das Gehirn steuert so viele dieser Geschichten. Darüber habe ich auch schon einige Studien gelesen, die das belegen. Natürlich auch die Angst im Nacken, was für Schäden bei diesem Schub bleiben darf man dabei nicht unterschätzen. Aber ich frage mich schon länger:

Verändert eine Krankheit den Charakter?

Natürlich ist es nicht schön krank zu sein. Mit der MS hat man das ‚Glück‘ nicht unbedingt an einer lebensbedrohlichen Krankheit erkrankt zu sein. Ist es vielleicht die Tatsache, dass es unheilbar ist und für den Rest des Lebens an einem hängt. Wenn man der Schulmedizin glaubt, kann man selber nichts dagegen ausrichten. Ich persönlich glaube an dieses ‚unheilbar‘ nicht so recht. Aber das ist ein anderes Thema.

In den letzten Jahren seit der MS, hat sich mein Charakter oder mein Wesen verändert. Das ist ganz klar und das fällt mir selber ja auch auf. Nur ist die Frage, liegt es an der Krankheit und den gestörten Gehirnbotenstoffen oder ist es auch einfach das Alter. Ich bin jetzt 35j. und irgendwie ist mir meine Zeit zu schade, um sie mit Getrödel zu vergeuden. Die Krankheit mit der ewigen Erschöpfung hat natürlich auch ihren Einfluss. Aber wie viel lässt sich einfach auf eine Krankheit schieben? Akzeptiert das der Partner, die Familie oder der Freundeskreis, einfach weil man ja krank ist? Wie viel kann man sich erlauben und wie pervers ist die Tatsache, einfach schnell mal zu sagen, dass man nicht mag/kann/möchte weil man ja immerhin krank ist?

Kann man eine Krankheit als Entschuldigung für alles als Absolution vorschieben?

Meiner Meinung nach nein. Egal wie gestört die Botenstoffe sind, trotzdem hat man einen ‚gesunden Menschenverstand‘ für mich gilt das für das Bauchgefühl oder die emotionale Intelligenz. Manchmal spüre ich diesen inneren Kampf und versuche, mich noch viel mehr auf das Bauch-/Herzgefühl zu verlassen als auf den Kopf, was aber nicht immer einfach ist.

Ausreden und falsche Entschuldigungen sind nicht richtig, trotz der grossen Versuchung.

Geniesst den Tag!

Welt MS-Tag 28. Mai 2014

Am 28.5.2014 war Welt MS-Tag und ich habe es vergessen.

weltmstag14

 

Da ich es völlig vergessen habe, könnte man natürlich als ein gutes Zeichen werten. Leider ist es aber nicht ganz so. Zur Zeit habe ich wieder einen akuten MS-Schub. Da ich davon ausgehe, dass der Schub nicht so stark ist, habe ich mich entschlossen, noch abzuwarten bevor ich mit den Kortisoninfusionen anfange.

Letztes Jahr war meine MS um diese Zeit noch ganz neu und ich litt noch mehr oder weniger an den Nebenwirkungen der Lumbalpunktion, Kortisoninfusionen und den neuen Medikamenten. In dieser Zeit war ich sehr viel im Internet unterwegs und habe mir meine Informationen zusammengesucht.

Letztes Jahr bin ich auf diesen Videoclip gestossen und der hat mir sowas wie einen Dolch ins Herz gestossen. Normalerweise lasse ich sowas nicht wirklich zu, aber dieser Clip hat mir doch etwas zugesetzt. Es war halt so passend:

Multiple Sclerosis International Federation, Beautiful Day

Ich wünsche mir und uns allen Kraft, aus jedem Tag, einen wunderbaren Tag zu machen. ❤

Taktgefühl

Kurz als Einführung:

Seit Sommer letzten Jahres habe ich eine Haushaltshilfe. Sie kommt für 2 Stunden pro Woche und sollte mal gründlich durchputzen.

Als ich auf der Suche nach einer Putzhilfe war, stellte sich zufällig aus, dass ich mit Multiple Sklerose und einer Zusatzversicherung, ein Anrecht auf eine Haushaltshilfe habe. Mit dem Neurologenattest wird ca. 1/4 von meiner Zusatzversicherung bezahlt. Früher konnte ich die Böden nur wischen, wenn ich in den nächsten Tagen Physio hatte. Ansonsten konnte ich danach nicht mehr gerade stehen. Durch die gestörten Muskelinformationen und leichten Muskelspastiken, bekomme ich extreme Verspannungen, die dann für Tage böse Kopfschmerzen verursachen.

Seit Sommer habe ich nun meine, nennen wir sie ‚Putzelfe‘. Sie ist gleich alt wie meine Mutter und ist bei dieser Organisation für Pflegedienst und Haushaltshilfe angestellt. Sie ist also sowas wie ein Vollprofi. Wir klärten meine Wünsche und Vorstellungen und sie fing an. Nach dem zweiten oder dritten Einsatz, war ich nicht zufrieden und bat sie, dies oder jenes doch etwas gründlicher zu machen. Natürlich zuerst durch die Blume und das hat mich ziemliche Überwindung gekostet. Die Frau ist doch vom Fach und in ihrem Alter sollte sie doch die Putzelfe mit Auszeichnung und Orden sein.

Ha, das war natürlich garnicht gut! Sie findet, Bettwäsche alle zwei Wochen zu wechseln ziemlich übertrieben. Also, sie mache das bei sich alle vier Wochen ABER dafür bügelt sie ihre Bettwäsche. Mir ist es sowas von schnurzpiepegal ob die Bettwäsche gebügelt ist, sie soll einfach frisch sein. Und wenn ich sie nicht selber anziehen muss, umso besser (Verspannungen). Dann ging es weiter, sie findet, dass ich eine vööööööööllig übertriebene Sauberkeitswahrnehmung habe. Aber sie kenne das, das liegt einfach nur an meiner Krankheit. Es ist typisch, dass MS’ler sehr pingelig und perfektionistisch sind. Ähm ja?

Wir erinnern uns kurz: ich bezahle sie dafür und bin der Auftraggeber.

Jetzt war sie 14 Tage nicht da weil sie als Begleitung einer MS-Betroffenen Gruppe unterwegs war. Und jetzt kommts! Sie erzählt MIR, erinnern wir uns kurz nochmals, MS-BETROFFEN und gerade mit einem AKTUELLEN MS-Schub, dass alle Patienten unter 50 waren, gelähmt, nichtmal sprechen können die, aber sie hat gemerkt, dass die im Fall überhaupt nicht dumm sind! Gut, ich verzichte auf einen Kommentar. Mir entgleiten nur kurz die MS geschädigten Gesichtsmuskeln. Vermutlich zuckt auch meine Hasenlippe wieder. Dann erzählt sie in blumigster Ausführung weiter.

Da hat eine 3! mal in der Nacht geläutet und wollte, dass man ihre Hand auf die andere Seite bewegt. Sie, meine Putzelfe und Pflegedienstangestellte, hat sie dann natürlich durchschaut und wusste, dass der doch nur langweilig war. Sie hat ihr erklärt, dass sie erst läuten soll, wenn sie ZWEI wichtige Anliegen hätte. In diesem Moment stellen sich meine Nackenhaare langsam auf und da ich gerade frisch menstruell bin und Lust hätte jemanden zu zerfetzen, versuche ich ihr im nettesten Ton zu erklären, dass das nicht gerade nett ist und sie sich vorstellen soll, wie es ist, Spastiken überall am Körper zu haben und die Hände nicht mal selber bewegen kann. Meine professionelle Putzelfe und Pflegedienstangestellte versteht das nicht. Als ich staubwische, erzählt sie munter weiter. Von all diesen schwerstbehinderten Menschen, die die MS in den 30gern bekommen haben und jetzt schon völlig futsch sind. Und immer wieder diese überraschte Erkenntnis, dass die wirklich nicht dumm sind. Irgendwann erinnere ich sie daran, dass ich selber MS habe und das meine Intelligenz, jedenfalls zur Zeit, nicht beeinträchtigt. Entweder versteht sie nicht was ich sage oder sie hört garnicht zu.

Langsam habe ich die Schnauze voll und erzähle ihr, dass ich am Freitag beim Neuro war um die Medikamente abzuholen und er gerade wieder so ein Haushaltshilfe-Zeugnis für die nächsten 6 Monate ausgestellt hat. Er habe mich darauf angesprochen, ob ich überhaupt zufrieden bin, weil er es von vielen Patienten hört, dass die vom Haushaltsdienst nicht so gründlich sind. Meistens sind sie, bei ans Bett gefesselten Patienten und diese machen ja nicht so viel ‚Dreck‘. Als ich ihm dann erzählt habe, wie meine Putzelfe findet, dass mein Gründlichkeitsfimmel völlig übertrieben sei und durch die Krankheit kommt, ist er fast vom Stuhl gefallen vor lachen. Sie sagt nix dazu. Aber, ihr Kurzzeitgedächtnis ist wohl nicht in Schuss, denn 15min. später, erzählt sie mir wieder, dass ihr aufgefallen sei, dass aaaaaalle MSler übertriebene Perfektionisten sind und gaaarnicht dumm sind.

Und ich dachte bisher immer, ich hätte ein ganz schlechtes Taktgefühl! Ach und entschuldigen Sie bitte die Schreib und Kommafehler, ich habe MS und es könte seein, das ich dum binn.