Wochenrückblick 30.08.2015

Denise von http://fraeulein-ordnung.blogspot.com stellt diese Frage jedes Wochenende:

Was hat dich in dieser Woche glücklich gemacht?

„Ich zeige 4 – 6 meiner liebsten Fotos aus der Woche und schreibe 1 – 2 Sätze dazu.
Wer Lust hat, kann gerne beim Wochen(glück)-Rückblick mitmachen und sich bis Sonntag Abend verlinken (wer mag, kann dafür das erste Bild mitnehmen). So können wir gemeinsam unser Glück, die schönen Momente und fröhlichen Stunden festhalten.

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Elternschulung für Eltern mit ADS-Kindern. Da trafen wir zufällig auf die Familie, die bei der Geburt des grossen Sohnes mit uns im gleichen Zimmer war.

schaukelpferd

Mein eigener ADS-Abklärungstermin war sehr spannend und führte bei mir zu ganz viel Selbsterkenntnis.

Wartezimmer

Der grosse Sohn ist 9 Jahre alt geworden:

9jahre

Wir haben eine Übernachtungsparty gegeben. Der Abend mit den Kindern war toll und wir hatten sehr viel Spass miteinander. Am Morgen bevor ich das Frühstück für alle gemacht habe, noch ein kurzes durchatmen für mich:

party

Am Samstagnachmittag waren wir dann alle ziemlich erledigt. Wir haben sogar ein kurzes Mittagsschläfchen gehalten. Der Nachmittag war dann eher ruhig. Heute kommen die Grosseltern zu Kaffee und Kuchen.

kokosnuss

Nach einer sehr strengen Woche, habe ich meinen Schweinehund überwunden und noch Sport gemacht.

sport5

Auf diesem Wege wünsche ich allen einen guten Start in die neue Woche ❤

MS mit ADS oder ADHS

Ich liebe solche Kürzel! Mit Kürzeln kommt man schneller durchs Leben und verliert keine kostbare Zeit mit ausschreiben der langen Wörter…

Wie bereits bekannt, wurde mein Sohn mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ ohne Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert. Der Weg bis zur Erkenntnis warum er so handelt, wie er eben handelt, war lang.

Was hat das aber mit meiner MS (Multiple Sklerose) zu tun?

Wenn ich vor einem Problem stehe, oder mit einer Diagnose konfrontiert werde, dann nehme ich das nicht einfach nur so hin und akzeptiere. Ich besorge mir Unmengen an Literatur darüber und werde ziemlich schnell zu einem Experten in diesem Bereich. Erklärt auch mein Vorgehen bei der MS Diagnose und deshalb habe ich auch überhaupt zu bloggen angefangen. Ist manchmal gut und manchmal eben weniger gut. So habe ich mich gefragt, warum ich in letzter Zeit, und da geht es um einige mehrere Monate, ein Problem mit der Reizüberflutung habe. Ich habe meinen Neurologen darauf angesprochen, ob denn sowas ein MS-Symptom sein könnte und was ich dagegen machen könnte. Ich erzählte ihm auch, dass bei meinem Sohn ADS diagnostiziert wurde und ich in der Fachliteratur einige Merkmale gefunden hätte, die auch bei mir sehr gut zutreffen. Er riet mir zu einer ausführlichen ADS(h)S Abklärung.

Mein Zustand wurde für mich mittlerweile schon ziemlich unerträglich, was mich dazu veranlasste, auch mit meinen 36 Jahren diese Abklärung zu machen. Nach den Fragebögen und den Gesprächen, scheint die Richtung AD(h)S ganz klar gegeben zu sein. Lustigerweise wurde mir in diesen zwei Sitzungen so vieles klar. Es fiel mir so zu sagen wie Schuppen von den Augen. Natürlich habe ich AD(h)S! Viele meiner Macken, kommen von AD(h)S. Einiges ist natürlich Charaktersache. Aber ich habe offenbar gelernt, mit dieser Aufmerksamkeitsstörung umzugehen und habe für mich ganz viele verschiedene Strategien entwickelt. Ich habe mir unbewusst ganz viel Struktur im Alltag aufgebaut. Unordnung und Zerstreutheit machen mich nervös und ich versinke in Chaos und verliere die Kontrolle. Bisher bezeichnete ich mich als Kontrollfreak, als extrem pingelig, als kompliziert und halt etwas nervös…usw. Jetzt weiss ich, dass das alles meine Strategie gegen die Unordnung in meinem Kopf ist. Wenn ich vor einem Problem stehe, kann ich innerhalb kürzester Zeit eine Lösung finden. Hat sich diese Lösung in meinem Kopf festgesetzt und ich eine klare Vorstellung davon habe, ist es für mich ein Problem, wenn das eben nicht ganz so funktioniert. Ich muss alles kontrollieren, weil ohne Kontrolle, mein Alltag schnell in ein Chaos stürzen würde.

Deshalb ist mir auch klar, warum ich so viele Arbeitsstellen gewechselt habe! Ich organisiere so gerne und ein Chaos zu beseitigen, bereitet mir die grösste Freude. Wenn ich aber meinen Job erledigt habe und alles eine Struktur hat und einigermassen reibungslos läuft, na dann wird es mir langweilig. Mit Langeweile oder monotoner Arbeit kann ich nicht umgehen. Langeweile löst grosse Unruhe in mir aus. Das hat offenbar alles mit AD(h)S zu tun.

Was ist jetzt mein Problem, wenn ich doch seit 36 Jahren damit leben konnte?

Ha! Die MS! Genauer gesagt meine Erschöpfung, die Fatigue! Über diese gemeine und unberechenbare Erschöpfung, die mich einfach so plötzlich aus dem Nichts befällt, habe ich schon ganz oft hier und z.B. hier mit treffender Beschreibung geschrieben . Die MS hat meine, jahrelang antrainierten, Verhaltensmuster völlig aus der Bahn geworfen. Weil ich durch ADS ein nervöser und rastloser Mensch bin, der Stress liebt und unter Druck wunderbarst arbeiten kann. Da bremst mich die MS aus. Durch diese Erschöpfung sollte ich entgegen meinem eigentlichen Naturell, anders mit meinem Stress umgehen. Wir wissen, Stress und MS vertragen sich überhaupt nicht gut. Deshalb rät mir mein Neurologe auch immer wieder, ob es für mich ratsam wäre ins Berufsleben wieder einzusteigen. Ich kann Stress nicht dosieren und merke erst wenn es zu spät ist, dass es zu viel war. Jetzt ist aber so, dass die MS mich mit der Fatigue ausbremst und mein inneres Gleichgewicht völlig aus dem Lot geraten ist.

Eigentlich ist für mein Naturell die MS eine ziemlich falsche Krankheit. Aber ist es vielleicht so, dass mein Körper durch diesen ständigen Stress und die Rastlosigkeit, irgendwann einfach genug hatte und deshalb sich die MS entwickelt hat? Hier möchte ich festhalten, dass AD(h)S sicherlich nicht zu MS führt und das keine wissenschaftlich hinterlegte Aussage ist. Ich frage mich nur für mich, habe ich durch meinen Perfektionismus, durch meinen Kontrollwahn und durch meine Liebe nach Stress, meinem Körper über Jahre zu viel zugemutet? Habe ich die Zeichen des Körpers nicht erkannt und habe einfach weiter gemacht bis mein Immunsystem durchgedreht ist und sich selber angegriffen hat? War MS für mich ein Warnschuss des Körpers um zu zeigen, so weit und weiter geht’s nicht, du entscheidest selber?

Bei mir haben diese zwei Sitzungen betrf. ADS Abklärung jedenfalls sehr viel zur Selbsterkenntnis geführt. Nur schon für die Tatsache, dass ich jetzt so vieles mit anderen Augen sehe und es jetzt plötzlich so klar erscheint, schon dafür hat sich die Abklärung gelohnt. Auch für die vielen Lacher, die ich bei den Fragen hatte wie z.B. Reden Sie viel und unterbrechen Sie manchmal Menschen weil, wenn Sie sie ausreden lassen würden, Sie ihren Kommentar vergessen könnten? Oooh ja…

Ich denke, dass es für mich eine sehr grosse Herausforderung werden wird, aus den alten Verhaltensmustern auszubrechen. Die Therapeutin empfiehlt mir trotz der Bedenken des Neurologen ins Berufsleben wieder ein zu steigen, aber mit einem wirklich kleinen Pensum. Ich muss aufpassen, nicht ein Problem mit der MS zu bekommen, weil ich durch ADS ein anderes Stressempfinden habe.

Jetzt bin ich sehr gespannt, welchen Weg ich hier einschlagen werde. Meinem Mann kann ich jedenfalls sagen, dass ich nur ein wenig verrückt bin und jetzt einen Freischein dafür bekomme 🙂

Auch ich bin ein Flüchtling – 2. Teil ‚meine Erfahrung als Flüchtlingskind‘

Ich weiss, ich hatte sehr viel Glück!

Nicht viele aus meinem Dorf hatten die Möglichkeit, einfach in die Schweiz fliehen zu können.

Nach meiner Flucht kam ich in die 5 Klasse und zwar in eine reine Deutschklasse. Wir waren ca. 12 Kinder aus verschiedensten Ländern, mit mehr oder weniger guten Sprachkenntnissen. Unser Schulalltag war so aufgebaut, die Sprache schnellstmöglich zu lernen. Die Lehrerinnen waren immer sehr nett und bemüht. Sie haben uns nie das Gefühl gegeben, wir seien nicht willkommen oder wir seien die Anstrengung nicht wert. Im Gegenteil, sie haben uns auch die Schweizer Kultur und verschiedenste Bräuche erklärt.

In der 6 Klasse kam ich in eine normale Grundschulklasse. Ich würde sagen, 90% der Schüler waren Schweizer und ich hatte kein einziges mal das Gefühl, da nicht reinzupassen. In der ersten Woche erklärten mir die Mädchen, wer mit wem eng befreundet ist und stellten sich gegenseitig als ‚Busenfreundin‘ vor. Im ersten Moment habe ich diesen Ausdruck nicht verstanden und habe dann etwas betreten aus der Wäsche geschaut. Das gab eine Runde laute Lacher und ich war aufgenommen. Ende der 6. Klasse stand die grosse Prüfung für die weiterführende Schulen bevor: Real, Sekundarstufe, Gymnasium. Und es war selbstverständlich, dass ich diese Prüfung auch mache, obwohl ich erst seit der 5 Klasse hier in die Schule ging. Niemand sagte, es würde keinen Sinn machen, weil ich erst so kurz hier lebte. Ich habe die Prüfungen bestanden und kam in die Sekundarschule. Meine Lehrer waren toll! Ich bekam keine Sonderbehandlung, aber ich wurde auch nie als Flüchtlingskind abgestempelt und mir wurden nie Steine in den Weg gelegt. Im Französisch hatte ich etwas Mühe, weil ich in dieser Zeit eigentlich noch immer mein Deutsch aufgebaut habe. Nach der Sekundarschule habe ich eine Lehre als Kaufmännische Angestellte angefangen. Mein ic im Nachnamen war zu diesem Zeitpunkt nie ein Hindernis. Nicht ein mal habe ich bewusst Rassismus mir gegenüber gespürt.

Nach der Ausbildung habe ich als Anwaltsassistentin angefangen zu arbeiten. Auch da hatte niemand mit meinem ic ein Problem (ausser, als ich mal als Zeugin ein Protokoll unterzeichnet habe, hat die Gegenpartei vor Gericht behauptet, dass die Zeugin mit ic im Nachnahmen, sowieso kein Deutsch verstanden hätte). Und ein mal, als ich mich für eine Wohnung bewerben wollte. Da sagte mir der ältere Mann am Telefon, dass die Wohnung schon weg sei und als ich auflegen wollte, fragte er noch schnell nach, ob ich denn eine Arbeit hätte. Als ich erwähnte, in welcher Anwaltskanzlei ich arbeite, da war er dann etwas enttäuscht, dass ich nicht in sein ic Bild gepasst habe. Die Wohnung wollte ich dann auch nicht mehr.

Das war meine Erfahrung in den Jahren 1991 bis ca. 2009. Irgendwann fing ich an, den Rassismus deutlich zu spüren. Manchmal gab es sehr unangenehme Situationen, als manche anfingen über die ’scheiss Jugos‘ her zu ziehen und ich daneben stand. Je nach Person fand ich es lustig, nach der ganzen Hasstirade zu erwähnen, dass ich aus Kroatien komme. Meistens hiess es dann, sie hätten mir das nicht angesehen und dass Kroatien ja ein wunderschönes Meer hätte und sie dorthin schon immer gerne in die Ferien gehen wollten. Ähm ja. Wenn es situationsabhängig sehr peinlich wurde, konnte ich manchmal auch meinen Mund halten und wollte diese Personen nicht bloss stellen. Es wäre einfach viel zu peinlich gewesen.

Vor ca. 1.5 Jahren war ich mit meinen Kindern unterwegs und der grosse Sohn hatte ein kroatisches Fussballtrikot an. Wir liefen an einem Jugendlichen vorbei und der murmelte plötzlich ’scheiss Jugo‘ zu meinem, damals 7-jährigen Sohn! Mein, 7-jähriger Sohn, der zu 50% CH Gene und einen CH Nachnahmen hat, wird als ’scheiss Jugo‘ beschimpft, weil seine Mutter vor über 22 Jahren in die Schweiz geflüchtet und geblieben ist! Und ich als eingewanderte, wurde in den letzten 24 Jahren kein einziges mals als ’scheiss Jugo‘ beschimpft! Sowas geht mir einfach nicht in den Kopf.

Wenn ich jetzt so sehe, wie viel Rassismus sich aufbaut und wie viel Hass von allen Seiten auf die neue Flüchtlingswelle bzw. Migranten schwappt, frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich erst jetzt als Flüchtling gekommen wäre.

Ich kann nicht anders. Seit Tagen stelle ich mir folgendes Szenario vor:

In der Schule wäre ich vermutlich gedisst worden und ganz viele Eltern hätten ein Problem damit gehabt, dass Flüchtlingskinder in die Regelklasse zu ihren Kindern kommen. Da könnte ja das Schulniveau darunter leiden.

Das ich als Flüchtlingskind nach 1 Jahr Grundschule die Sekundarschule mache und ihr Kind es ’nur‘ in die Realschule schafft?! Ich kann mir den Aufschrei wegen der Ungerechtigkeit und der Frechheit bildlich vorstellen. Das ich als Flüchtlingskind alles gegeben habe, um schnellstmöglich integriert zu werden, Freunde zu finden, ein neues Leben anzufangen und keineswegs bevorzugt meinen Abschluss gemacht habe, das hätte vermutlich niemanden interessiert. Es wäre so oder so die Schuld des bösen Flüchtlingskindes gewesen. Ich hatte nicht vor, aus meinem alten Leben zu fliehen und nur meine Krücken als Erinnerung mitzunehmen – ich hatte keine andere Wahl!

Dann hat das böse Flüchtlingskind auch noch eine Lehrstelle bekommen.

Das ehemalige Flüchtlingskind nimmt die Jobs weg.

Das ehemalige Flüchtlingskind angelt sich hier einen Mann, der durchaus als gute Partie gelten kann. Wieso nur?!?

Dann wagt es dieser eingeheiratete ’scheiss Jugo‘ auch noch eine teure Krankheit zu bekommen und profitiert vom CH-Gesundheitssystem. Alles Schmarotzer!

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Ich danke meinen Lehrern, die immer an mich als Mensch geglaubt haben!

Ich danke meinen ehemaligen Nachbarn und meinen Arbeitgebern, die mich nie über mein ic definiert haben.

Ich danke den Verwandten meines Mannes, die mich immer mit offenen Armen und ohne Vorurteile aufgenommen haben.

Ich danke allen offenen und menschlichen Schweizern, die keine Vorurteile haben!

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Wenn ich mich so um sehe, denke ich, ich hatte einfach so viel Glück gehabt! Wir sind alle Menschen, die ein geregeltes Leben in einer Gemeinschaft leben wollen. Nicht mehr, nicht weniger.

Seid nett und lasst euch nicht blenden! Danke ❤

PS. auch 24 Jahre nach meiner Flucht, werde ich nervös, wenn ein Flugzeug oder Helikopter, tief über meinem Kopf fliegt. Oder die jährlichen Sirenenkontrollen über 30min. heulen. Ein ganz seltsames Gefühl…

#bloggerfürflüchtlinge ein Spendenaufruf in Deutschland von Moabit hilft

 

Auch ich bin ein Flüchtling – Teil 1. Weshalb musste ich fliehen

Ich bin ein Flüchtlingskind, welches mit offenen Armen empfangen wurde.

Meine Eltern sind irgendwann 1982 in die Schweiz als Gastarbeiter gegangen. Sie ackerten sich kaputt und sparten sich alles vom Mund ab, um uns eine bessere Zukunft bieten zu können. Sie hatten im ehemaligen Jugoslawien keine Perspektive und wollten der kommunistischen Partei nicht beitreten. Ohne kommunistische Partei, keine Möglichkeit auf eine Arbeitsstelle. Ich war da etwa 2 Jahre alt und wuchs somit von einem Tag auf den anderen ohne meine Eltern, bei den Grosseltern auf. Soweit ich mich erinnern kann, war meine Kindheit ziemlich unspektakulär, dafür aber mit ganz vielen Freiheiten und ohne viele Regeln. Die meisten Jahre habe ich jedoch offensichtlich verdrängt und kann mich nicht mehr erinnern. Ist wohl sowas wie ein Selbstschutz der Psyche.

Irgendwann im 1990 bin ich unglücklich gestürzt und habe mir meine Hüftdysplasie-Hüfte ziemlich unglücklich gebrochen. Ich war ein seltsames, eigenbrötlerisches und stilles Kind. Ohne Eltern habe ich früh gelernt, selber für mich die Entscheidungen zu treffen. Da ich niemanden von meinen Schmerzen berichtete, folgten darauf einige Komplikationen. Hüftkopf zerschmettert, Knorpel abgerissen usw. Für mich damals ‚unglücklicherweise‘, hat meine Grossmutter irgendwann mitgekriegt, dass ich fast nicht mehr laufen kann und schleppte mich ins nächste Krankenhaus. Dort wurde die falsche Hüfte geröngt und ich wieder nach Hause geschickt. Die Verwechslung und die unglücklichen Umstände bescherten mir dann 3 Hüftoperationen inkl. Aufwachen aus der Narkose, mitten in einer der Operationen. Ich war als 11 Jährige etwa 9 Monate alleine in einem Krankenhaus und kriegte langsam mit, dass in Kroatien sowas wie Krieg herrschte. Das ist die Vorgeschichte zu meiner damaligen, körperlichen und psychischen Verfassung.

Ostern 1991 war ich bereits Stationär in einer Rehaklinik und lernte langsam wieder aufzustehen und auf Krücken zu laufen. Meine Eltern nutzten jeden Feiertag und alle Ferientage, um 15 Stunden Autofahrt auf sich zu nehmen und mich zu besuchen. So waren sie über Ostern zu Hause und ich wurde von meinem Vater täglich zur Reha gefahren.

Irgendwann kam mein Vater nach Hause und erzählte meiner Mutter, dass er in der Stadt einen ehemaligen Schulkollegen getroffen hätte und dieser ihm gegenüber seltsame Andeutungen gemacht habe. Er hätte ihm geraten, das Auto und seine Familie schnellstmöglich auf die andere Seite des Flusses zu bringen. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie meine Mutter meinen Vater mit einem seltsamen Blick angeschaut hat und mein Vater darauf weg fuhr.

Am nächsten Morgen um ca. 3Uhr weckte mich meine Mutter mit den Worten, ich solle keine Angst haben, aber der Krieg habe angefangen und wir müssen versuchen von zu Hause wegzukommen. Ich war gerade 12 geworden, konnte nur mühsam auf Krücken laufen und verstand überhaupt nicht, warum wir von zu Hause weg gehen sollen. Irgendwann ist mein Vater zum Gemeindehaus gelaufen und hat versucht, Informationen über die Lage zu bekommen. Nix. Alle waren völlig überfordert und überrumpelt von diesem Artillerie-Angriff. Der Schulkollege meines Vaters war von der ‚anderen‘ Seite und wusste offenbar schon über den bevorstehenden Angriff bescheid und hat meinen Vater vorgewarnt. Wir sassen also da, hörten überall rund herum Schüsse und einschlagende Granaten. Einfach so, von Heute auf Morgen war da Krieg.

Mein Vater konnte nicht mehr zu Hause warten und machte sich auf den Weg, unsere Flucht zu organisieren. In der Zwischenzeit versteckte meine Mutter mich und meinen jüngeren Bruder unter der Treppe. Sie erklärte uns, dass die Hauswände dort besonders dick sind und wir auf keinen Fall von dort weg gehen sollen. Na gut, ich hätte sowieso nicht weglaufen können. Meine Mutter packte offenbar in der Zwischenzeit das Nötigste ein und ich glaube, wir hatten zweit Taschen dabei. Mein Vater kam und erzählte, dass er einen alten Fischer gefunden hat, der versuchen möchte, uns für Geld über den, zu dieser Zeit Hochwasser führenden, Fluss zu bringen. So begann unsere Flucht. Ich weiss nicht mehr genau, wie viele Kilometer ich mit Krücken gelaufen bin. Über dem ganzen Dorf war eine seltsame Stille. Keine Menschen, nur ein Nieselregen und diese drückende Stille. Nur das Artilleriefeuer und die Granateinschläge hallten durch die Luft. Am überschwemmten Ufer des Flusses konnte ich nicht mehr laufen und sank in den Schlamm hinein. So trug mich mein Vater auf den Armen weiter, bis wir das Fischerboot erreicht haben. Ich konnte nicht schwimmen, der braune Fluss führte Massen an Wasser inkl. Treibgut welches ständig an dieses Holzboot knallte. Ich weiss nur, wie ich meine Krücken umklammert hielt, weil ich wusste, dass ich die auf keinen Fall verlieren darf.

Wir sind tatsächlich heil auf der anderen Seite des Ufers angekommen. Mein Vater trug mich wieder durch den Sumpf bis zu der Stelle, an der ich wieder laufen konnte. Es war alles still. Niemand sprach, nur das Knallen konnte man hören. Mein Vater drückte dem alten Mann noch Geld in die Hand, der wieder in sein Boot stieg. Wir mussten so einen Hochwasserdamm überqueren und da konnte meine Mutter das erste mal ihre Panik nicht mehr verstecken. Sie hielt uns an, nicht aufrecht zu gehen weil der Damm so hoch war und man uns von der anderen Seite erschiessen könnte. Als wir zu einer Strasse kamen, versuchte mein Vater ein Auto anzuhalten und zu bitten, ihn zu dem Parkplatz zu bringen, an dem er einen Tag davor sein Auto abgestellt hat.

Meine Mutter war in dieser Zeit nicht mehr ruhig. Ihre Unruhe schwebte wie eine dunkle Wolke über ihr. Ständig sagte sie uns, dass wir nicht aufrecht stehen sollen, weil man uns erschiessen könnte. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit bis mein Vater mit unserem Auto kam.

Ich stieg in das Auto rein, packte meine Krücken ein und bin nie wieder in das Dorf, in welchem ich aufgewachsen bin, zurückgekehrt. Wir fuhren direkt in die Schweiz. Einen Tag nach unserer Flucht, rief uns ein Nachbar an um mitzuteilen, dass das haus von drei Granaten zerstört wurde. Drei mal kann man raten, wo die erste Granate eingeschlagen ist! Genau, unter der Treppe, dort wo die Hauswand angeblich so dick ist und wir uns verstecken mussten.

So kam ich als Flüchtling des Jugoslawienkriegs in die Schweiz. Das war 1991 und ich gerade 12 Jahre alt geworden.

Wie mein Leben dann als Flüchtling in der Schweiz weiter ging, das erzähle ich im zweiten Teil. Eigentlich habe ich nicht vorgesehen, so viel über den Hintergrund meiner Flucht zu schreiben und wollte nur darüber berichten, wie ich in der Schweiz aufgenommen wurde.

Danke fürs Lesen, so spare ich mir ganz offensichtlich Therapiekosten…

PS: #bloggerfürflüchtlinge Moabit hilft und organisiert einen Spendenaufruf hier gehts lang